Riesenbärenklau in meinem Garten. Im Vergleich erkennt man erst die imposante Größe.

Schwebfliege

Bewundert Bestaunt Verflucht

Wem wird schon eine solche Karriere zuteil? Einem Politiker? Einem Künstler? Nein, ein "Kraut" macht das Rennen: Herkulesstaude oder auch Riesenbärenklau genannt. Als Fremder aus dem Kaukasus kam er gegen Ende des letzten Jahrhunderts in die Herbarien Europas. In den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts trat er dann zur Offensive an. Vorher gab er noch ein paar Gastspiele z. B in Tschechien und der ehemaligen DDR, wo er als Futterpflanze angebaut und siliert wurde. Der Mais lief ihm bald den Rang ab. Dann entdeckten ihn Jäger, Imker, Kleingärtner und Vogelfreunde und dienten ihm -in bester Absicht- als Steigbügelhalter.

Es ist nicht leicht, den Reizen der Staude zu widerstehen. Verbirgt sie im ersten Jahr ihres Lebens ihre wahre Natur unter rundlichen Blättern eher in Bodennähe (dem einheimischen Bärenklau zum Verwechseln ähnlich), zeigt der Doldenblütler im zweiten Jahr dann was Sache ist. Bis zu vier Metern hoch schiebt er sich aus seiner Speicherwurzel, bildet Hauptdolden von etwa sechzig Zentimetern Durchmesser -in Ausnahmefällen bis 1,5 m!- und zaubert noch einige Ersatzblütenstände in Form sogenannter Nebendolden hervor, die etwa zwei Wochen in der Entwicklung hinterherhinken. Sicher ist sicher!

Da die Blüte in die Monate Juli/August fällt, tritt eine wenig angenehme Eigenschaft genau zum "richtigen" Zeitpunkt auf: Die Pflanze verübt heimtückische Attentate! Zum ersten Mal erfuhr ich davon vor etwa 12 Jahren. Im Winter in die Eifel verzogen, erfreute ich mich im Sommer an diesen prächtigen Gewächsen in meinem Garten. Die Sonne schien, die Bienlein summten, die Kinder spielten "echt cool, man" und meine Frau arbeitete in ihren Blumenbeeten. Nichtsahnend kam sie wohl auch mit Pflanzenteilen der Herkulesstaude in Berührung. Die Folgen dieser Begegnung traten aber erst ein paar Stunden später zu Tage. Die schöne Haut meiner Frau verwandelte sich an einigen Stellen in ein brandblasenähnliches Desaster. Was war geschehen? "Die Inhaltsstoffe (sogenannte Furanocumarine) werden bei der Berührung der Blätter von der Haut aufgenommen und verursachen insbesondere bei starkem Sonnenschein eine an Verbrennung erinnernde Dermatitis. Es bilden sich Brandblasen. Die Schädigung der Haut kann bei sorglosem Umgang langwierig und gefährlich sein." So beschreibt es Agraringenieur Michael Schulze von der Biologischen Station des Kreises Euskirchen, der sich von Berufs wegen mit der Landplage "Herkulesstaude" befasst.

Nachdem also die Schönheit meiner lieben Frau derart von der Pflanze erschüttert worden war, ging die Freundschaft in die Brüche -was nur die Pflanze betrifft. Ritterlich wie wir Männer nun - manchmal- sind , zog ich einen Schutzanzug an, stieß einen tierischen Karateschrei aus und stürzte mich, den Sensenbaum drohend wirbelnd, mitten in die Feindesmenge und machte ihr den Garaus. Von diesem Moment an war Distanz vorhanden. Ich sprach nicht mehr von Frau Herkulesstaude oder Herrn Riesen-Bärenklau (e), sondern nur noch von Heracleum mantegazzianum.

Zufälligerweise hatte ich für mein grausames Geschäft den optimalen Zeitpunkt erwischt: Die Pflanzen begannen gerade zu blühen und standen in vollem Saft. Das anfallende Schneidgut darf man nicht liegen lassen, denn die Pflanze ist hart im Nehmen. Einige Ponies freuten sich über die Abwechslung in der Speisekarte. In ihren Mägen war die Entsorgung optimal, denn in einem Kompost wäre vielleicht die Temperatur zur Deaktivierung von Samen nicht hoch genug. Immerhin bildet die Hauptdolde bis zu 30.000 Samen aus, die sowohl fliegen, als auch schwimmen können und sogar, zwecks Flugreisen, behaart sind. Ein richtiger Tausendsassa! Allerdings ist mir inzwischen bekannt, dass es bei Kühen schon einmal Verätzungen im Maulbereich gegeben hat. Deshalb kann ich Pferde zur "Entsorgung" nicht empfehlen.

Was hat dem Riesen-Bärenklau denn nun die Feindschaft der Biologen, Naturschützer, Förster und Wasserbauer eingebracht, denn die sind doch nicht alle verheiratet? Hauptverbreitungsgebiet der Pflanze in der Euskirchener Eifel sind die Täler um die Gemeinde Nettersheim. Dort finden die Pflanzen an den Bachläufen nicht nur den optimalen Transportgehilfen für ihren Samen, sondern auch den nährstoffreichen Untergrund, der ihr explosionsartiges Wachstum fördert. Auf diesen nassen Flußauen kommt es zur Verdrängung heimischer Pflanzen. Allein dieses hat mannigfaltige Konsequenzen. Zum Beispiel wird die Erosionsgefahr an Ufern, Dämmen und Böschungen erhöht. Durch die lange Abschattung des Blattwerkes, das im zweiten Jahr mit Blattgrößen von über einem Meter strotzt, muss der Boden in großen Kulturen nach der Entfernung dieser Neophyten neu eingesät werden. Dazu kommt, dass die Pflanze mit ihrem massenhaften Auftreten zur Artenvielfalt sicherlich nicht beiträgt. Wenn also Weideflächen vom Bärenklau besetzt werden, wäre eine Entfernung nicht nur wirtschaftlicher, da diese Flächen dem Gräserwuchs wieder zur Verfügung ständen, sondern auch die Pflanzenvielfalt -gerade für Pferdeweiden wichtig- würde gefördert. Um es nochmals zu wiederholen: Das Mähgut sollte sorgfältig entfernt werden, um jegliche Ausbreitung durch Samenflug zu unterbinden. Wer frei von Hexenschuss ist, sollte die Wurzeln unbedingt ausgraben. Von der Verfütterung sollte man auch deshalb absehen, da das Material ja weder gekocht noch siliert ist. In Notzeiten wurde Bärenklau als Spinat zubereitet. Aber damals kochte man auch wilde Möhren drei Stunden und die waren immer noch hart und wahrscheinlich trotzdem köstlich!

Der Giftinformationszentrale in Mainz waren keinerlei Fälle bekannt, wo es nach Verzehr (z.B. als Spinat) von Bärenklau zu Erkrankungen kam (1999). „Nur“ die äußeren Reaktionen werden als "erhebliche Gefährdung" eingestuft. Alle Pflanzenteile, insbesondere Blätter und Stängelsaft (laut amerikanischen Untersuchungen auch Wurzeln), sind gefährlich. Dabei wird der Juli-August als Zeitraum der höchsten Gefährdung angegeben. Übrigens deutet die gesundheitsgefährdende Wirkung (photochemische Reaktion, Photodermatitis) des Doldenblütlers auf eine Bevorzugung feuchter Standorte hin, da die Wirkstoffe zu den Psoralenen gezählt werden, mit denen sich die Pflanzen vor Pilzen schützen. Psoralene werden heute künstlich hergestellt und bei verschiedenen Erkrankungen (Lichttherapie) und auch zur Haltbarmachung von Blutkonserven eingesetzt.

Riesenbärenklau ist in manchen Gegenden inzwischen zum Problem geworden. Er stellt eine Bedrohung für die heimische Flora dar. Die Bekämpfung ist schwierig, teuer und nur punktuell möglich. Verbreitet wird er auch durch Trockenblumen, Sämereien und Gartenabfälle. Wir müssen also mit dem Gesellen leben, der auch vor weniger günstigen Orten nicht zurückschreckt. Sein Nutzen für die Natur ist als gering einzustufen, auch wenn die Nektarsekretion auf den ersten Blick vorteilhaft scheint. Dafür wird ein Sack von Nachteilen erkauft. Deswegen: Graben Sie seine Wurzeln aus, schneiden Sie ihn ab und entfernen Sie alle Reste, aber schützen Sie Augen und Haut! Bei großen Ansammlungen, die inzwischen häufig sind, muss landwirtschaftliches Gerät zum Einsatz kommen. Die chemischen Bekämpfungspräparate sind mehr oder weniger im Versuchsstadium und auch teuer. Also werden wir mit dem Riesenbärenklau leben müssen, aber wenn er sich so sehr verbreitet hat, dass er in Ihrer Küche Wurzeln geschlagen hat, sollten Sie etwas dagegen tun! Bei meiner Frau hat die Wiederherstellung ihrer Schönheit, d.h. das Verblassen der Narben, etwa zwei Jahre gedauert.